„Start-up HR“ – Interview mit Michael Benz von whyapply über Bewerbungen per „Challenge“ für die Ansprache potenzielle Kandidaten

HR-Start-ups bringen derzeit viel frischen Wind in die Personal-Szene. In dieser Interviewreihe werden einige innovative Lösungen vorgestellt, die dafür sorgen sollen, dass die Personalarbeit in Zeiten der Digitalisierung noch einfacher, effektiver und effizienter wird. In meiner Interviewreihe „Start-up HR“ spreche ich heute mit Michael Benz von whyapply – eine neue Form der Bewerbung ohne Stellenanzeige, Lebenslauf und Anschreiben. In unserer „mobile first“-Webapplikation posten Unternehmen reale Herausforderungen und werben so um Interesse bei den Kandidaten. 

Was ist die Idee hinter Eurem Start-up und was war Eure ganz persönliche Motivation, mit der Ihr das Unternehmen (mit-)gegründet habt?

Zwei große Trends sind der Grund für unser Start-up. Zum einen steigt der Anteil neuer Berufe rasant an. Bereits 2015 waren 50% aller Berufe 10 Jahre zuvor noch unbekannt. 2025 werden es schon 65% sein. Für diese Berufe existieren noch keine, oder erst sehr spät, Abschlüsse, Zertifikate oder Stellenprofile. In der Zukunft werden also Erfahrungen und konkrete Fähigkeiten hinter die Kompetenzen und Entwicklungspotenziale von potenziellen Kandidaten und Kandidatinnen zurücktreten. Eine standardisierte Kandidatenansprache funktioniert dabei nicht oder nur sehr schlecht. Gleichzeitig sind viele Prozesse in HR noch stark standardisiert. Diese Trends bedeuten enorme Herausforderungen für die Unternehmen. Andererseits haben wir eine permanent sinkende Arbeitslosenquote und demzufolge eine immer geringer werdende Anzahl aktiv suchender Personen. Die Zahl der passiv Wechselwilligen ist jedoch – je nach Schätzung – mit 80% enorm hoch. Diese Leute kann ich aber nur schlecht mit standardisierten Stellenausschreibungen und langatmigen Bewerbungsprozessen erreichen. Das geht besser mit spannendem Content.


Zukünftig werden Entwicklungspotenziale noch wichtiger sein als bereits vorhandene Fähigkeiten


Motivation für die Gründung war meine persönliche Biografie. Als studierter Islamwissenschaftler habe ich selbst erfahren, wie stark im Bewerbungsprozess anhand von Schlagwörtern und Kategorien meine Eignung für bestimmte Positionen und Berufe festgelegt wird. Fachkenntnisse die on the job erworben wurden (vielleicht auch ohne Zeugnisnachweis), außerberufliche Erfahrungen, Projekterfolge – die Summe all der Erfahrungen, die mich schlussendlich zu der sogenannten Fachkraft werden lässt, als die ich mich bewerbe – werden durch die zunehmende Verwendung standardisierter Verfahren im Recruiting weniger berücksichtigt. Potenziell geeignete Kandidaten werden oftmals aufgrund formaler Kriterien aussortiert. In meinem Fall beispielsweise durch den Hintergrund meines „exotischen“ Studiengangs

Nach meinem Studium war ich in verschiedenen Bereichen tätig. Unter anderem mehrere Jahre am Fraunhofer-Zentrum für internationales Management in Leipzig. Hier war einer meiner Schwerpunkte der Bereich Employer Branding, insbesondere für deutsche KMU. Dort habe ich gesehen, wie positiv es auf potenzielle Kandidaten wirkt, wenn das Unternehmen sich transparenter macht und aus seinem Alltag berichtet. Das interessiert Bewerber weit mehr als Stellenanzeigen und Karriere-Webseiten. Nach meiner Tätigkeit bei Fraunhofer reifte in mir der Gedanke, beide Erfahrungen miteinander zu verbinden.

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Welchen konkreten „Need“ Eurer Kunden sprecht Ihr an und welchen strategischen und/oder operativen Mehrwert bietet Ihr Euren Kunden?

Wir sehen, dass Firmen sich immer schwerer damit tun, Kandidaten anzusprechen und diese davon zu überzeugen, das eigene Unternehmen als potenziellen neuen Arbeitgeber in Betracht zu ziehen Viele Firmen greifen auf die Standard-Werkzeuge zurück wie Stellenanzeige, Karriere-Webseite etc. So gehen sie in der Fülle der Wettbewerber unter. Passiv Wechselwillige erreichen sie damit in der Regel ebenso nicht. Diese Zielgruppe muss aber in unserem aktuellen Arbeitnehmermarkt unbedingt stark umworben werden. Leider ist es bei vielen Unternehmen so, dass ein Erstkontakt mit einem potenziell geeigneten Kandidaten nur dann geschieht, wenn dieser aktiv wird. Da die meisten Prozesse dann aber für den Kandidaten mit hohem Aufwand verbunden sind, ziehen passiv Wechselwillige ohne konkreten Wechselwunsch das nicht in Betracht. Dazu kommt eine erhebliche Asymmetrie im Aufwand, der für eine Bewerbung betrieben wird. Während viele Personaler von einem potenziellen Kandidaten erwarten, dass er sich über das Unternehmen informiert, individuelle, kreative Anschreiben verfasst und alles tut, um eingestellt zu werden, verwenden sie selbst nur wenig Zeit auf das Lesen einer Bewerbung und versenden keine Absage, oder nur mit einer wenig individuellen Begründung (was aus rechtlicher Sicht teilweise verständlich ist).


Passiv wechselwillige Kandidaten lassen sich nicht mit standardisierten Stellenausschreibungen erreichen


Mit whyapply bieten wir den Firmen eine Möglichkeit, passiv wechselwillige Kandidaten dort zu erreichen, wo sie alltäglich unterwegs sind – auf ihrem Smartphone. Das Unternehmen formuliert keine Stellenanzeigen, sondern echte Herausforderungen, die sich hinter einer offenen Vakanz verbergen. Das sind keine fiktiven Cases wie in einem Assessment Center, sondern reale Aufgaben, die bei Einstellung auch tatsächlich zu lösen ist. Damit bewirbt sich das Unternehmen als attraktiver Arbeitgeber bei den Kandidaten. Wir bewerben die sogenannten „Challenges“ zielgruppengenau in den verschiedenen sozialen Medien bei Nutzerinnen und Nutzern, die exakt diese Interessen haben. Die Nutzer zeigen durch ihre Ideen, dass sie zum Unternehmen passen. Wir verbinden also Employer Branding mit Personalgewinnung.

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User melden sich an und demonstrieren durch ihre Lösungsansätze, dass sie zum Unternehmen passen. Das erzeugt eine sehr positive erste Candidate Experience. Drückt ein User dann auf Absenden, geht die Idee – samt eines Kurzprofils – direkt zum Ansprechpartner des jeweiligen Unternehmens.

Die Unternehmen bekommen dadurch Bewerbungen von Kandidaten, die sich im Rahmen der Challenge mit dem Unternehmen auseinandergesetzt haben. Eine Copy & Paste-Bewerbung hat in unserem System keine Chance. Die Kandidaten, die über unsere Plattform an Challenges teilnehmen, interessieren sich in erster Linie für die Fragestellung des Unternehmens.

Zudem bietet unsere Lösung ein interessantes Marketing-Instrument: Unternehmen können qualitativ hochwertigen Content kommunizieren und zusätzlich zur „Stellenausschreibung“ Werbung für sich und ihre spannenden Themen machen.

Was genau unterscheidet Euch von anderen Anbietern auf dem Markt?

Whyapply richtet sich sowohl an aktiv Suchende, als auch passiv Wechselwillige. Wir arbeiten nicht mit Jobtiteln und Stellenanzeigen. Der User informiert sich zuerst über die Aufgaben und spannenden Themen bei einem potenziellen Arbeitgeber. Ein weiterer Punkt ist, dass wir vom User keine endlos langen Fragebögen verlangen. Er kann bei uns, wenn er das möchte, zwanzig Fragen ausfüllen. Dies ist aber für die Nutzung von whyapply nicht notwendig.

Für unsere Kunden analysieren wir die Interaktionsdaten aus jeder Challenge und können so ein (anonymisiertes) Bild ihrer durchschnittlichen Zielgruppe zeichnen. Welche Kanäle bevorzugen SAP-Berater? Wie und wo kann ich Angular Developer am besten erreichen? Diese Fragen können wir für den Kunden nach ihren Challenges beantworten.

Neben den Kandidaten und deren Ideen bekommt das Unternehmen zusätzlich noch die messbare positive Außenwirkung über die Social Media Marketing Kampagnen.

Was sind in der Praxis konkrete Einsatzzwecke/Use Cases für Euer Produkt? Kannst Du dazu eine kurze Success Story beschreiben?

Eine kleine Entwickler-Firma sucht einen Angular-Frontend Developer. Bei Schalten einer Stellenanzeige orientiert sie sich an die gängigen Floskeln und Firmenbeschreibungen. Die Stellenanzeige führt allerdings nur zu mäßigem Erfolg, da die Firma a) unbekannt ist und b) die standardisierte Stellenanzeige einen Developer nicht erreicht bzw. nicht anspricht. Mit uns formuliert sie eine spannende Challenge, die den Developer sofort anspricht, weil er sich sehr genau vorstellen kann, was er später machen soll. Wir adressieren Angular Frontend Developer auf den Sozialen Kanälen direkt mit den Inhalten des Unternehmens und machen es so in seiner Umgebung bei den Fachkräften bekannt. Über die Beschäftigung mit Inhalten lenken wir die Aufmerksamkeit des Kandidaten direkt auf ihm vielleicht bis dato noch unbekannte potenzielle Arbeitgeber.


Challenges helfen, sich ein Bild der Kandidaten und der für die Unternehmen wichtigen Themen zu machen


Ein anderes Beispiel ist eine Versicherung, die mit der Gewinnung von Fachkräften Probleme hat, da insbesondere junge Leute mit ihr keine spannenden Themen verbinden. Über mehrere Challenges kann der Bewerber sich ein sehr genaues Bild davon machen, was diesen Arbeitgeber alles umtreibt. So lernt er beispielsweise, dass auch die Versicherungsbranche vor spannenden Fragestellungen steht, die gemeinsam mit dem potenziellen Kandidaten gelöst werden sollen. Dies weckt die Neugier bei den Kandidaten.

Welche Voraussetzungen muss ich als Unternehmen schaffen, um Euer Produkt/Eure Leistung gezielt einsetzen zu können? Welche Fallstricke lauern Deiner Erfahrung nach in der Praxis und wie können diese gelöst werden?

Unsere Lösung ist eine Web-Applikation, so dass keine Installation o. ä. nötig ist. Das Unternehmen muss zu Beginn einmalig ein Profil anlegen. Die Formulierung einer Challenge nimmt beim ersten Versuch nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit in Anspruch. Wir helfen natürlich bei der Redaktion der Challenges und übernehmen alles andere, vom Posten der Beiträge bis zur Ergebnisauswertung. Nur die Personalauswahl muss selbstverständlich das Unternehmen treffen.


Links zum Weiterlesen


Über Michael Benz

michael-benz-foto.1024x1024Michael Benz hat seine eigene Biografie als Grund für seine Gründung von whyapply genommen. Als studierter Islamwissenschaftler und Ethnologe war er nach seinem Studium als Quereinsteiger bei der Fraunhofer-Gesellschaft in den Bereichen Employer Branding, Business Development und Marketing tätig. Bei standardisierten Bewerbungsprozessen im Anschluss sind die Brüche in seinem Lebenslauf eher ein Hindernis gewesen – trotz jahrelanger Berufserfahrung. Aus diesen Erfahrungen heraus gründete er whyapply und arbeitet heute mit seinem Team daran, dass bei Bewerbungen mehr die reale Tätigkeit einer Vakanz im Vordergrund steht, als Standard-Phrasen und nichtssagende Formulierungen. Sein Ziel für seine Kunden ist ein direkter Zugang zu Kandidaten und eine ehrliche Kommunikation von Content, wodurch die Unternehmen bei ihren Zielgruppen als attraktiver Arbeitgeber auftreten – ganz ohne standardisierte Stellenanzeigen.

Homepage: www.whyapply.de  |  Twitter: @whyapply_de


Quelle des Artikelbilds: whyapply

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